Reflexionen

Schläge für die Hymne

 

Ich war 19 Jahre alt, als es mich nach einigen turbulenten Begebenheiten in die Untersuchungshaftanstalt Eisleben verschlug.

Wie das so ist. Da denkt man, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und alles was DDR heißt, muss man angreifen und alles was BRD heißt, muss man verteidigen.

So kam es wie es kommen musste: ich wollte provokativ auftreten und pfiff etwas lauter als Zimmerlautstärke die Nationalhymne in der Zelle.

Nein, nicht die DDR-Hymne, sondern die westliche. Deutschland Deutschland und so.

Recht und Freiheit oder wie das geht. Mensch hör doch auf, sagte mein Zellengenosse, das gibt doch nur Ärger.

Ärger? Na und.

Da kam er rein, Meister Weiße mit der Sonnenbrille.

Die Prügel und dann ab in eine Isolationszelle. Schnell noch eine stärkere Glühbirne rein in die Lampe, die nie wieder ausgemacht wurde (damit ich nicht gut schlafe - nein, nicht gleich rufen, die hättest du doch ausmachen können: geht ja nicht in einem Gitterraum, der das verhindert) und 14 Tage dort geblieben. Bis ein Ton im rechten Ohr anfing zu klingen... Die Beschwerde dagegen verlief natürlich im Sand.

 

Wenn ich auch nur annähernd geahnt hätte, welches verlogene und menschenverachtende System mich im Westen erwartet, was für Deppen und Dumm-Trolle hier anderer Leutes Leben kaputtmachen, dann wäre ich damals zum Gefängnisdirektor gegangen, hätte vor ihm einen tiefen Diener gemacht und dann mich hingekniet und gesagt:
Es tut mir leid, das mache ich nie wieder, bitte prügeln Sie mich nochmal, aber feste!

 

 

12.08.2009 Peter Schreiber

 

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